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Wirtschaftsklima bricht ein

Die Stimmung der Konjunkturexperten im Euroraum kippt. Das ifo Wirtschaftsklima ist von 6,6 auf -11,1 Punkte gesunken und liegt somit zum ersten Mal seit 2014 wieder unter null. Die Experten beurteilen die aktuelle Lage und die künftige Entwicklung pessimistischer. Das Tempo des Wirtschaftswachstums im Euroraum dürfte sich verlangsamen.

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Zellen, die den Darm zerstören

Mehr als 400.000 Menschen in Deutschland sind von den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa betroffen, die in Schüben verlaufen und das Darmgewebe zerstören. Die chronische Entzündung kann nach wie vor bei einer Vielzahl von Patienten nicht ausreichend in den Griff bekommen werden. Zudem war bisher weitgehend unklar, wie Entzündungsschübe ausgelöst werden. Forscher der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) haben nun zusammen mit niederländischen Kollegen zeigen können, dass bestimmten Zellen im Darm eine Schlüsselrolle bei der Auslösung von Erkrankungsschüben zukommt. Hierdurch ergeben sich innovative Ansätze für zukünftige Therapien.

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ZEW: Konjunkturerwartungen für China steigen leicht

In der aktuellen Umfrage des China Economic Panel (CEP) von ZEW und Fudan Universität (Shanghai) vom Januar (9.1. – 24.1.2019) sind die Konjunkturerwartungen für China um 2,2 Punkte gestiegen. Trotz dieser erneuten Zunahme bleiben sie mit minus 18,3 Punkten (Dezember 2018: minus 20,5 Punkte) jedoch weiterhin deutlich im negativen Bereich und liegen auch weit unter dem langfristigen Durchschnitt von 2,7 Punkten. Der CEP-Indikator, der die Konjunkturerwartungen internationaler Finanzmarktexperten für China auf Sicht von zwölf Monaten wiedergibt, deutet daher weiter auf eine anhaltende wirtschaftliche Schwächephase hin.

Hinzu kommt, dass sich die Einschätzung der aktuellen konjunkturellen Situation ebenfalls verschlechtert hat. Sie liegt derzeit bei einem Wert von minus 4,6 Punkten. Eine leichte Mehrheit der Befragten geht somit davon aus, dass die konjunkturelle Lage in China eher schlecht ist.

Die Punktprognose für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2019 zeigt sich in der aktuellen Umfrage mit 6,2 Prozent unverändert gegenüber der Prognose vom Dezember 2018. Ein Wachstum von 6,2 Prozent würde allerdings einen erheblichen weiteren Rückgang verglichen mit dem zurückliegenden Jahr 2018 bedeuten, in dem das chinesische BIP real noch um 6,6 Prozent zugelegt hat. Für 2020 wird sogar ein weiterer Rückgang auf 6,0 Prozent vorhergesagt.

In Übereinstimmung mit der Verschlechterung des Wirtschaftsausblicks sinken auch die Prognosen für die Inflationsrate. Auf Sicht der nächsten zwölf Monate geht die Prognose um 0,3 Prozentpunkte im Vergleich zum Dezember 2018 zurück und soll entsprechend nur noch bei 2,3 Prozent liegen.

„Die Teilnehmer/-innen unserer Umfrage gehen davon aus, dass sich die chinesische Regierung noch stärker als bisher durch aktive Konjunkturpolitik gegen die Verschlechterung des Wachstums stemmen wird“, sagt Michael Schröder, Senior Researcher im Forschungsbereich „Internationale Finanzmärkte und Finanzmanagement“ am ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim und Projektleiter der CEP-Erhebung.

Der Indikator für den Staatskonsum steigt denn auch um 18,5 Punkte auf einen neuen Wert von 21,4 Punkten. Fast 62 Prozent der Befragten erwarten, dass der Staatskonsum im Laufe der nächsten zwölf Monate weiter steigen wird. Als Folge sehen 52,4 Prozent der Umfrageteilnehmer/innen einen zusätzlichen Anstieg der Inlandsverschuldung. Aber auch der Indikator für die Auslandsverschuldung steigt in der aktuellen Umfrage.

Der wichtigste Einzelfaktor zur Erklärung der prognostizierten Wirtschaftsschwäche ist die Verschlechterung des Außenhandels, an der sich die negative Wirkung des Handelsstreits zwischen den USA und China zeigt. „Umgekehrt wäre eine für alle Beteiligten positive Einigung in diesem Handelsstreit eine schnelle konjunkturstützende Maßnahme für China“, sagt Michael Schröder.

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ifo Institut sieht Regionalpolitik in Braunkohle-Revieren kritisch

Das ifo Institut beurteilt die Empfehlungen der Kohle-Kommission zum Strukturwandel kritisch.

„In weiten Teilen ist der Kommissionsbericht von der Vorstellung geprägt, dass der Politik eine Verantwortung für die Schaffung neuer Wirtschaftsstrukturen in einer Region zukomme. Alle Erfahrungen mit einer aktiven Strukturpolitik zeigen jedoch, dass der Staat bestenfalls die Rahmenbedingungen für private Investoren setzen kann, allen voran durch den Ausbau von Infrastrukturen und ergänzend durch den Einsatz des förderpolitischen Instrumentariums. Würden die Kommissionsempfehlungen von der Politik übernommen, besteht die große Gefahr, dass hier mit viel Geld falsche und letzten Endes illusorische Vorstellungen geweckt werden“, sagt Joachim Ragnitz, stellvertretender Geschäftsführer der ifo Niederlassung Dresden.

„Dass die Braunkohle-Regionen ihre Kompetenzen im Bereich der Energiewirtschaft auch künftig nutzen wollen, ist vernünftig und nachvollziehbar. Aber die im Kommissionsbericht enthaltenen Vorschläge zur Weiterentwicklung und Nutzung digitaler Techniken passen vielfach nicht zur Wirtschaftsstruktur in den betroffenen Regionen. Zudem ist gerade dieser Sektor von so starken Veränderungen geprägt, dass es nicht überzeugend ist, für die kommenden 20 Jahre ein hierauf aufbauendes Regionalentwicklungskonzept zu entwerfen“, so Ragnitz weiter.

Viele Detailmaßnahmen hätten kaum einen Effekt für die regionale Wirtschaftsentwicklung und spiegelten eher die aktuellen Wünsche der Akteure vor Ort wider. „Die Sanierung von Schwimmbädern oder der Bau von Radwegen hat nun wirklich nichts mit dem beschleunigten Braunkohle-Ausstieg zu tun und ist eine ureigene Aufgabe der Länder und ihrer Kommunen. Hier sollte der Bund deshalb sehr genau hinsehen, ob es hierzu wirklich einer zusätzlichen Finanzierung bedarf. Man kann die Empfehlungen der Kommission deswegen nur als Vorschläge bewerten, die die Interessenlage unterschiedlicher Gruppen bündeln, aber noch nicht als eine abschließende, die Politik bindende Entscheidungsgrundlage.“

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Wissenschaftsrat stimmt IWH-Erweiterung zu

Der Wissenschaftsrat befürwortet die Gründung einer neuen Abteilung am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Mit zusätzlichen Forschenden und einem neuen Ansatz will das Institut untersuchen, welche Auswirkungen das Zusammenspiel von unterschiedlichen staatlichen Eingriffen in Finanz- und Arbeitsmärkte auf die Gesamtwirtschaft hat.

Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) kommt einer geplanten Erweiterung einen entscheidenden Schritt näher. Der Wissenschaftsrat als wichtiges wissenschaftspolitisches Beratungsgremium von Bund und Ländern hat sich im Rahmen seiner Wintersitzungen vom 23. bis 25. Januar 2019 in Berlin für die Gründung einer vierten Abteilung am IWH ausgesprochen.

In dieser sollen die Wechselwirkungen der staatlichen Regulierung von Finanz- und Arbeitsmärkten sowie deren Folgen für die Realwirtschaft untersucht werden. „Das IWH besitzt sehr gute Voraussetzungen für den neuen Forschungsbereich und hat überzeugende Vorarbeiten vorgelegt“, sagt Martina Brockmeier, Vorsitzende des Wissenschaftsrats. Nach Einschätzung des Gremiums kann das Institut künftig eine Forschungslücke in der deutschen Finanzmarktforschung besetzen und auf diesem Gebiet ein Alleinstellungsmerkmal entwickeln. Den Antrag auf strategische Erweiterung des IWH bewertet der Wissenschaftsrat insgesamt als „sehr gut“.

Die neue IWH-Abteilung „Gesetzgebung, Regulierung und Faktormärkte“ soll im Jahr 2020 ihre Arbeit aufnehmen. Dafür ist ein jährliches Budget von 1,5 Millionen Euro für Personal-, Sach- und Investitionskosten geplant, wobei der Eigenanteil des IWH 200 000 Euro beträgt. Mit 16 zusätzlichen Stellen verfolgt die Abteilung einen neuen interdisziplinären Forschungsansatz. Während die Regulierung der Finanz- und der Arbeitsmärkte traditionell isoliert voneinander betrachtet wird, soll hier das Zusammenspiel der unterschiedlichen staatlichen Maßnahmen untersucht werden. Zum Beispiel hat es seit Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007 viele regulatorische Eingriffe in die Finanzmärkte gegeben.

Doch bislang ist weitgehend unerforscht, welche Konsequenzen sie für die wirtschaftliche Stabilität und die Verteilung der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital haben. Das IWH rechnet nunmehr mit grundlegenden Erkenntnissen über die Einflussfaktoren auf langfristiges Wachstum und Strukturwandel in Zeiten des digitalen Wandels. Mit den Forschungsergebnissen will das Institut die Politik darin beraten, optimale wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen. In die Erweiterung fließt die Expertise aus den drei bestehenden IWH-Abteilungen (Finanzmärkte, Makroökonomik sowie Strukturwandel und Produktivität) ein.

„Wir begrüßen die Empfehlung des Wissenschaftsrats, die Erweiterung des IWH zu unterstützen“, sagt Institutspräsident Reint Gropp. „Wir denken, dass wir mit der Erweiterung noch besser zur wissenschaftlichen und wirtschaftspolitischen Debatte beitragen können. Insbesondere werden wir die noch unerforschte Beziehung zwischen der Regulierung von Arbeits- und Finanzmärkten in den Mittelpunkt unserer Forschung stellen und die enge Zusammenarbeit von Makroökonomen, Arbeitsökonomen und Finanzökonomen mit Juristen fördern. Außerdem freuen wir uns auf die enge Zusammenarbeit in der Finanzforschung mit dem LOEWE Center Sustainable Architecture for Finance in Europe (SAFE) in Frankfurt am Main, das als neues Institut in die Leibniz-Gemeinschaft aufgenommen werden soll.“

Das Votum des Wissenschaftsrats ist ein wichtiger Etappensieg bei der Erweiterung des IWH. Die abschließende Entscheidung darüber, ob die neue Abteilung eingerichtet werden kann, trifft die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) im Laufe dieses Jahres.

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Studie: Auf Distanz zu Fake News

Konsequentes Vorgehen von Behörden gegen gezielte Falschnachrichten – das wünscht sich laut einer repräsentativen Studie der TU Darmstadt eine große Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland. Das Fachgebiet Wissenschaft und Technik für Frieden und Sicherheit der Universität fragte unter anderem danach, wie Bürgerinnen und Bürger Fake News wahrnehmen und auf sie reagieren und welche Gegenmaßnahmen als sinnvoll erachtet werden.

Spätestens seit dem US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2016 ist das Phänomenen Fake News in der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte angelangt. Im Rahmen einer deutschlandweit durchgeführten, repräsentativen Studie hat das Fachgebiet Wissenschaft und Technik für Frieden und Sicherheit (PEASEC) der Technischen Universität Darmstadt drei Kernfragen untersucht – die Einschätzung von Fake News, die Erfahrungen und den Umgang mit dieser Art der Information sowie die Bewertung von Maßnahmen, um gezielte Falschnachrichten zu bekämpfen.

Aus Sicht von 84 Prozent der insgesamt 1023 Befragten sind Fake News gefährlich, weil sie Meinungen der Bevölkerung manipulieren können. 68 Prozent bekräftigen ferner, dass Fake News der Demokratie schaden. „Viele Bürgerinnen und Bürger befürchten, dass Desinformationen genutzt werden können, um Einfluss auf öffentliche Debatten und Wahlen zu nehmen“, so Professor Dr. Christian Reuter, Leiter der Studie. „Tatsächlich ist deren Einflusssphäre hierzulande – das ist die gute Nachricht – bislang eher klein; eine weitreichende Flut von Fake News blieb selbst im Wahlkampf 2017 aus. Darüber hinaus deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass Fake News in Deutschland weniger mit klassischen Medienanbietern assoziiert werden als beispielsweise in den USA.“

Rund die Hälfte aller Befragten (48 Prozent) gab weiter an, dass sie bereits in sozialen Netzwerken auf Fake News gestoßen seien. Demgegenüber räumt nur etwa jeder vierte Befragte (23 Prozent) ein, Fake News gelöscht oder gemeldet zu haben.

Insgesamt liegt die prozentuale Verteilung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die eine konkrete Erfahrung mit Fake News bestätigen, zwischen 23 (Löschung oder Meldung) und 2 Prozent (Erstellung oder Verbreitung von Fake News). Allerdings dürften diese Werte aufgrund der negativen Konnotation von Fake News im Hinblick auf soziale Erwünschtheit verzerrt sein, so die Wissenschaftler. Aufgrund empirischer Belege könne ferner davon ausgegangen werden, dass Desinformation vor allem im Kontext von (Rechts-)Populismus und Extremismus erfolgt. „Was ideologische Motive betrifft, so weisen die Befunde darauf hin, dass linkspolitische oder liberale Teilnehmer einen kritischeren Umgang mit Fake News pflegen“, so Reuter.

Die Wissenschaftler fanden auch bestätigt, dass soziodemografische Faktoren wie Alter und Bildung einen signifikanten Einfluss auf den Umgang mit Fake News haben: „Die Ergebnisse bekräftigen die These, dass jüngere und relativ gebildete Menschen besser über Falschnachrichten informiert sind“, so Reuter.

Als Konsequenz im Umgang mit Fake News befürwortet eine große Mehrheit der Teilnehmer (81 Prozent) eine schnelle Reaktion der zuständigen Behörden. Generell lag die Zustimmungsquote für Vorschläge (zum Beispiel Verpflichtung der Betreiber, Verschärfung der Strafvorschriften oder Einrichten staatlicher IT-Abwehrzentren) bei 72 Prozent.

Methodik: Die Daten dieses Beitrags stammen aus einer repräsentativen Onlinebefragung, die das Fachgebiet PEASEC der Technischen Universität Darmstadt 2017 deutschlandweit unter Benutzung des ISO-zertifizierten Panelproviders GapFish (Berlin) durchgeführt hat. Die Stichprobe der Befragten (N=1023) wurde an die Verteilung von Alter, Religion, Bildung und Einkommen entsprechend der allgemeinen deutschen Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren angepasst. Darüber hinaus wurde eine breite Streuung der Teilnehmer in Bezug auf Bildung und Einkommen sichergestellt.

Hintergrund: PEASEC (Wissenschaft und Technik für Frieden und Sicherheit) an der Technischen Universität Darmstadt forscht zu interaktiven Technologien, wie sozialen Medien, im Kontext der Sicherheits-, Krisen- und Friedensforschung. Mit PEASEC verfügt die TU Darmstadt über die deutschlandweit einzige Universitätsprofessur an der Schnittstelle von Informatik und Friedensforschung.

Förderung: Unterstützt wurde diese Arbeit vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sowie vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst (HMWK) innerhalb von CRISP, dem BMBF innerhalb des Projekts KontiKat (13N14351) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) innerhalb des Sonderforschungsbereichs 1119 CROSSING.

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Foodwatch will Zuckersteuer und Werbeverbot für Süßigkeiten

Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat die Politik von Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) zur Reduktion von Zucker in Lebensmitteln als wirkungslos und ihr geplantes Tierwohllabel als rückständig kritisiert.

Was Kinder essen. Quelle / Foodwatch / RKI

„In der Tierhaltung ist der Handel längst weiter als die Ministerin. Und beim Thema Reduktion von Zucker und Salz in Lebensmitteln macht sie sich mit ihrer freiwilligen Selbstverpflichtung für die Ernährungswirtschaft lächerlich“, sagte Geschäftsführer Martin Rücker der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ (Samstag). Damit seien zuletzt die Niederlande gescheitert. „In Großbritannien wird Fanta zum Beispiel mit etwa halb so viel Zucker verkauft, weil es eine Limo-Steuer gibt.“

Rücker forderte die Einführung einer solchen Steuer sowie ein Werbeverbot für Süßigkeiten für Kinder. Klöckner müsse einer Industrie etwas entgegensetzen, die davon profitiere, möglichst viel Zucker zu verkaufen.

„Wir alle unterliegen einer Geschmacksprägung. Wenn wir von klein auf Nahrungsmittel mit viel Zucker essen, schmecken zuckerreduzierte Esswaren zunächst nicht gut.“ Bereits 15 Prozent der Kinder in Deutschland seien übergewichtig. Es müsse umgesteuert werden, „auch um Fettleibigkeit und Diabetes zu minimieren, die mittlerweile zu einem zweistelligen Milliardenbetrag im Jahr an Gesundheitskosten führen“.

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Bereitschaft zum Kauf von Tierwohl-Produkten nur „bedingt ausgeprägt“

Eine aktuelle Studie der Hochschule Osnabrück hat ergeben, dass 16 Prozent der Einzelhandelskunden bereit sind, einen Tierwohlartikel (in Form verpackter Ware) anstatt konventionell erzeugter Ware zu kaufen. Tierwohl-Siegel hatten dabei nicht durchgängig einen positiven Einfluss auf die Kaufbereitschaft. Zudem wurden lediglich Preisaufschläge von etwa 30 Cent für einen mittelpreisigen Schweinefleisch-Artikel akzeptiert, der nach Tierwohl-Standards produziert wurde. Das entspricht einer Preiserhöhung von 9 bis 13 Prozent je nach Ausgangspreis des Artikels.

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„Die Ergebnisse haben uns überrascht“, kommentiert Prof. Dr. Ulrich Enneking von der Hochschule Osnabrück. „Bisherige Umfragen haben ergeben, dass viele Verbraucher grundsätzlich bereit sind, deutlich mehr Geld für Fleisch auszugeben, wenn es nach höheren Tierwohl-Standards produziert wurde. Wir wissen jetzt, dass die beobachtete Realität beim tatsächlichen Kaufverhalten differenzierter und komplexer ist. Die grundsätzliche Bereitschaft, im Test mehr Geld für solches Fleisch auszugeben, ist nur bedingt ausgeprägt.“ Dieses geringe Kaufinteresse steht dabei im Widerspruch zu den Ergebnissen der parallel durchgeführten Befragung im Kassenbereich. Hier gaben deutlich mehr Konsumierende an, Tierwohl-Produkte zu bevorzugen.

Ergebnisse basieren auf mehr als 18.000 Käufen

Im Praxistest wurde der Abverkauf von Selbstbedienungsware bei Bratwurst, Minutensteak und Gulasch aus Schweinefleisch der Preiseinstiegsmarke „Gut und Günstig“ und der Bio-Premiummarke „Bio Janssen“ mit einem neuen Produkt im mittleren Preissegment mit Tierwohl-Siegel verglichen. Von den neun Testprodukten wurden im neunwöchigen Testzeitraum in Summe mehr als 18.000 Produkte in insgesamt 18 EDEKA- und NP Discount-Märkten verkauft. Bei 16 Prozent der Käufe fiel die Entscheidung auf den Tierwohl-Artikel. Dabei wurden lediglich Preisaufschläge zwischen 9 und 13 Prozent akzeptiert. Bei merklich höheren Preisaufschlägen (zum Beispiel 26 Prozent für Gulasch) sowie kleineren Erhöhungen gingen die Absätze deutlich zurück. „Die Kaufentscheidungen der Kundinnen und Kunden im Test weichen somit stark von den Mehrpreisbereitschaften ab, die in vielen uns bekannten Befragungen ermittelt wurden“, so der Professor für Agrarmarketing.

Enneking verweist in diesem Zusammenhang auf die Komplexität der Thematik und widerspricht pauschalen Aussagen zu einer grundsätzlich und immer vorhandenen Aufpreisbereitschaft. „Man muss diese sehr differenziert betrachten, da immer zahlreiche Faktoren wie zum Beispiel die Kaufkraft oder das Produkt einen Einfluss auf das Kaufverhalten haben.“ Er fordert weitere Forschungsanstrengungen, insbesondere unter Einbezug des realen Kaufverhaltens. Die ermittelten Kaufbereitschaften könnten sich durch die Einführung eines zum Beispiel staatlichen Tierwohllabels durchaus positiver entwickeln, sofern es eine hohe Verbraucherbekanntheit und -akzeptanz aufbaut.

Die Studie wurde von Prof. Dr. Ulrich Enneking konzipiert und von der Initiative Tierwohl unterstützt und finanziell gefördert. Die EDEKA-Regionalgesellschaft Minden-Hannover stellte für die Untersuchung insgesamt 18 Märkte sowie die getestete Ware zur Verfügung.

Zum Hintergrund: Für die Studie der Hochschule Osnabrück wurde zwischen dem 15. Oktober und 15. Dezember 2018 das tatsächliche Kaufverhalten von Verbraucherinnen und Verbrauchern in 18 EDEKA- und NP Discount-Märkten der EDEKA-Regionalgesellschaft Minden-Hannover untersucht. Dabei wurde die neueingeführte Ware nach der Hälfte der Testzeit als Tierwohlware mit Tierwohl-Siegel sowie „Vor-Ort-Informationen“ in Form von Deckenhängern und Flyern zum Tierwohl neu positioniert. Das Fleisch für die Tierwohl-Produkte stammte von Bauern, die ihren Tieren mehr Platz, mehr Beschäftigungsmöglichkeiten und einen komfortableren Stallboden boten als gesetzlich vorgeschrieben. Außerdem wurde der Preis in drei Stufen verändert, um Aussagen zur Preissensibilität der Käuferinnen und Käufer zu treffen. Neben dem Verkaufstest ergänzte eine wissenschaftliche Befragung im Kassenbereich der teilnehmenden Märkte das Experiment. Hier wurde eine Differenz zwischen Kaufbereitschaft und Umfrageergebnissen nachgewiesen.

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