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ZEW: Konjunkturerwartungen steigen leicht an

Illustration of a single EU VAT area with a calculator

Die ZEW-Konjunkturerwartungen für Deutschland steigen im Januar 2019 um 2,5 Punkte auf einen neuen Wert von minus 15,0 Punkten an. Die Konjunkturerwartungen bleiben damit weiterhin erheblich unterhalb des langfristigen Durchschnitts von 22,4 Punkten. Die Bewertung der aktuellen konjunkturellen Lage für Deutschland hat sich im Januar weiter stark verschlechtert. Sie fällt um 17,7 Punkte auf einen Wert von 27,6 Punkten. Dies ist die niedrigste Lageeinschätzung seit Januar 2015.

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IMK-Studie: Macrons Agenda würde Frankreichs Probleme nicht lösen

Die französische Regierung will ihre Wirtschafts- und Sozialpolitik neu justieren. Sollte sie sich dabei ein Beispiel an Deutschland nehmen? Nicht wenn es um die Hartz-Reformen geht. Die wahren Gründe für den aktuellen Vorsprung der deutschen Wirtschaft liegen woanders: Die Konjunktur hierzulande läuft besser, seitdem auch die Binnennachfrage wieder einen höheren Stellenwert hat. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Analyse des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung.

Foto: European Union / Mauro Bottaro

Schaut man sich die Wirtschaftsentwicklung seit Beginn der Währungsunion an, mag zunächst überraschen, dass der Abstand zwischen Deutschland und Frankreich gar nicht so groß ausfällt. Das Bruttoinlandsprodukt hat sich über den gesamten Zeitraum in etwa gleich stark entwickelt. „Es gibt also keinen generellen Wachstumsrückstand der französischen Wirtschaft gegenüber der deutschen“, schreiben die IMK-Experten. Allerdings seien die Volkswirtschaften in jeweils unterschiedlichen Phasen gewachsen. Die Forscher unterscheiden zwei Phasen: Nach einem Gleichlauf zu Beginn der Währungsunion fiel die deutsche Wirtschaft in den Jahren 2001 bis 2005 deutlich hinter die französische zurück. Ab 2005 bis zum Beginn der Finanzkrise glichen sich die Wachstumsraten mit leichten Vorteilen für Deutschland wieder an. In der Finanzkrise brach die Wirtschaft in Deutschland wesentlich stärker ein als in Frankreich. In der darauf folgenden zweiten Phase ab 2009 wuchs die deutsche Wirtschaft hingegen deutlich kräftiger und konnte ihren Wachstumsrückstand vollständig aufholen. Wenn also von einer Krise in Frankreich und der starken Wirtschaft in Deutschland die Rede ist, dann trifft dies nur auf die Zeit nach der Finanzkrise zu.

Der größte Unterschied zwischen beiden Ländern zeigt sich am Arbeitsmarkt: Bis zur Finanzkrise war die Arbeitslosenquote in Frankreich niedriger als in Deutschland. Seitdem ist es umgekehrt, und der Abstand nimmt Jahr für Jahr zu. In Deutschland fällt jedoch nicht nur die Arbeitslosenquote merklich niedriger aus als in Frankreich, sondern auch die durchschnittliche Arbeitszeit pro Kopf. Das Arbeitsvolumen wird hierzulande mit einer höheren Beschäftigtenzahl realisiert. Oder anders ausgedrückt: Die vorhandene Arbeit wird auf mehr Köpfe verteilt. Dies liegt einerseits an der relativ hohen Bedeutung von Teilzeitarbeit in Deutschland, andererseits an der unterschiedlichen Reaktion auf die Finanzkrise. Trotz des massiven Einbruchs der Produktion blieben Jobs erhalten – das gelang, weil die Arbeitszeiten in vielen großen mitbestimmten Unternehmen über Zeitkonten flexibel waren, sowie dank staatlicher Stützungsmaßnahmen und der Kurzarbeit.

Nach der Schwächephase konnte so schnell wieder das frühere Niveau erreicht und übertroffen werden. Damit blieben die Einkommen in der Krise stabil, danach wuchsen sie. Dies wiederum stärkte den privaten Konsum, der für den deutschen Aufschwung in den vergangenen Jahren – anders als in früheren Boomphasen, die vor allem exportgetrieben waren – eine maßgebliche Rolle spielte. Nebenbei profitierte davon auch der Staat, indem er höhere Steuereinnahmen verzeichnete.

„Mit der als Stabilisierungspolitik erfolgreichen Stimulanz des Konsums richtete sich, ohne dass dies in nennenswertem Umfang Gegenstand öffentlicher Diskurse war, die Wirtschaftspolitik in Deutschland neu aus“, schreiben die IMK-Ökonomen. Während es im vorherigen Jahrzehnt noch das Ziel gewesen sei, mittels Arbeitsmarktreformen Druck auf die Löhne zu machen und die preisliche Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, werde nunmehr die Bedeutung der Binnennachfrage stärker anerkannt. Lohnsteigerungen erschienen nicht mehr als Bedrohung wirtschaftlicher Aktivität, sondern als deren Treiber. Schließlich erweiterten sich mit höheren Reallöhnen die Konsummöglichkeiten der privaten Haushalte.

Diese Zusammenhänge seien in Frankreich über viele Jahre besser akzeptiert und praktiziert worden als in Deutschland, betonen die Forscher. Eine Agenda 2010 à la française werde deshalb wenige Verbesserungen bringen. In einem Punkt könnte Frankreich hingegen tatsächlich von Deutschland lernen: Eine kontrollierte Arbeitszeitflexibilisierung mit Zeitwertkonten sei ein geeignetes Instrument, um Entlassungen bei schlechter Wirtschaftslage zu vermeiden. So einfach ist dieses System aber nicht zu übertragen: Laut Analyse des IMK hat die interne Flexibilisierung in Deutschland vor allem funktioniert, weil es über die Mitbestimmung ein seit Jahrzehnten erprobtes Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern gibt.

Foto: © European Union / Mauro Bottaro

Gustav A. Horn, Sebastian Watzka: Ist Frankreich ein Sanierungsfall oder Deutschland? (pdf), IMK Policy Brief Nr. 10, November 2018

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HWWI Policy Paper: Die Entwicklung der Stadt-Land-Beziehung in Metropolregionen

Deutschlands elf Metropolregionen können als Motor der sozio-ökonomischen Entwicklung betrachtet werden, da sie weithin mit ihrer Erreichbarkeit auf das europäische Ausland und dahinter wirken. Vor dem Hintergrund der gesamtwirtschaftlichen Herausforderungen und der aktuellen Bevölkerungsdynamik bilden die Metropolregionen ein spannendes regionalökonomisches Untersuchungsfeld. Die Studie können Sie hier herunterladen: Download PDF-Version

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Berenberg/HWWI-Studie: Angeschlagene Banken kosten viel Geld

Die globale Finanzkrise hat in den meisten Ländern zu einem kräftigen Anstieg der Staatsschulden geführt. Konjunkturprogramme und das Stützen angeschlagener Banken haben viel Geld gekostet. Deutschland hat in den letzten Jahren den Schuldenstand zurückführen können. Die meisten anderen Länder sitzen allerdings nach wie vor auf einem hohen Schuldenberg. Die Studie können Sie hier herunterladen: Download PDF-Version

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DIW Managerinnen-Barometer: Vorstände bleiben Männerdomänen

Das DIW Managerinnen-Barometer analysiert Frauenanteile in Vorständen und Aufsichtsräten von über 500 großen Unternehmen in Deutschland. Fazit: Es gibt erste Anzeichen, dass Unternehmen die Anstrengungen zurückfahren, sobald sie die Geschlechterquote für Aufsichtsräte erfüllen. Und mehr Frauen in Kontrollgremien ziehen zumindest kurzfristig nicht automatisch mehr Frauen in Vorständen nach sich.

Quelle: DIW Berlin

Die seit 2016 in Deutschland geltende Geschlechterquote für Aufsichtsräte zeigt weiter ihre Wirkung: In den 200 umsatzstärksten Unternehmen ist der Frauenanteil in den Kontrollgremien im vergangenen Jahr um mehr als zwei Prozentpunkte auf knapp 27 Prozent gestiegen. In den 100 größten Unternehmen ging es sogar um über drei Prozentpunkte auf gut 28 Prozent nach oben. Allerdings gibt es auch erste Hinweise darauf, dass die Unternehmen mit Quotenbindung ihre Anstrengungen deutlich zurückfahren, sobald sie die 30-Prozent-Marke erreicht haben. So stagnierte der Frauenanteil in den Aufsichtsräten der 30 größten börsennotierten Unternehmen (DAX-30), von denen die meisten an die Geschlechterquote gebunden sind und viele diese Quote bereits erfüllen, bei einem Drittel. Das sind zentrale Ergebnisse des aktuellen Managerinnen-Barometers des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

„Viele Unternehmen sind auf einem guten Weg, wenn es um mehr Frauen in Aufsichtsräten geht – andererseits tun die meisten jedoch nicht mehr als nötig“, sagt Elke Holst, DIW-Forschungsdirektorin für Gender Studies. Katharina Wrohlich, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Gender Studies am DIW Berlin, ergänzt: „Auffällig ist, dass die verbindliche Geschlechterquote zumindest kurzfristig keine Strahlkraft auf die Vorstandsebene ausübt – diese bleiben Männerdomänen.“ So lag der Frauenanteil in den Vorständen der Unternehmen, die an die Quote gebunden sind, Ende 2018 bei gerade einmal 8,5 Prozent – nur etwa ein halber Prozentpunkt mehr als im Jahr zuvor. Die Top-100-Unternehmen haben im vergangenen Jahr zwar erstmals die Zehn-Prozent-Marke geknackt, insgesamt vollzieht sich die Entwicklung aber nach wie vor auf niedrigem Niveau im Schneckentempo.

Entwicklung bei Banken und Versicherungen frappierend

Erneut haben Holst und Wrohlich Daten von über 500 Unternehmen in Deutschland erhoben und daraus die Frauenanteile in Spitzengremien für verschiedene Unternehmensgruppen berechnet. Dazu gehören neben den umsatzstärksten 200 beziehungsweise 100 Unternehmen beispielsweise auch die in den diversen DAX-Indizes notierten Unternehmen oder solche, an denen der Bund beteiligt ist. Damit ist das DIW Managerinnen-Barometer die größte Auswertung ihrer Art.

Separat werden die 100 größten Banken und 60 größten Versicherungen in Deutschland ausgewertet. Dort sieht es mit Blick auf die Frauenanteile noch düsterer aus: Während in den Vorständen die Dynamik wie schon in den Jahren zuvor schwach blieb und die Frauenanteile unterhalb von zehn Prozent verharren, ist inzwischen auch die Entwicklung in den Aufsichtsräten ins Stocken geraten. Dabei hinken Banken und Versicherungen mit jeweils rund 23 Prozent Frauenanteil im Kontrollgremium den Unternehmen außerhalb des Finanzsektors ohnehin schon deutlich hinterher.

„Wenn man bedenkt, dass mehr als die Hälfte der Beschäftigten im Finanzsektor Frauen sind, die meisten davon gut ausgebildet, ist die Entwicklung der Frauenanteile in Vorständen und Aufsichtsräten von Banken und Versicherungen besonders frappierend“, so Holst. Eine Geschlechterparität bleibt damit in weiter Ferne: Selbst bei einer – optimistischen – linearen Fortschreibung der Entwicklung der vergangenen Jahre würde es fast bis zum nächsten Jahrhundert, im Fall der Bankenvorstände beispielsweise bis zum Jahr 2098, dauern, bis Frauen und Männer gleichermaßen in Spitzengremien vertreten wären.

Den Unternehmen empfehlen Holst und Wrohlich, sich in eigenem Interesse ambitioniertere Ziele für mehr Frauen in Vorständen zu setzen. Anders könnten sie den lauter werdenden Rufen nach weiteren Quotenregelungen kaum den Wind aus den Segeln nehmen. „Die Wirtschaft hat es selbst in der Hand“, so Holst. „Solange sich jedoch viele große Unternehmen bewusst eine Zielgröße von null Frauen im Vorstand setzen, erscheint der Wille und die Kraft zu ambitionierten, nachhaltigen und freiwilligen Fortschritten mehr als fraglich.“ Eine wichtige Voraussetzung wäre nach Ansicht der Autorinnen, konsequent alle Hierarchieebenen, gerade auch unterhalb des Vorstands, stärker mit Frauen zu besetzen und die Arbeitsstrukturen für Führungskräfte zu flexibilisieren. So könnte der Pool potentieller Vorständinnen vergrößert werden. (Quelle: DIW)

siehe auch: Interview mit Elke Holst: „Geschlechterquote für Aufsichtsräte bringt nicht automatisch mehr Vorständinnen mit sich“ (Print und Audio)

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Brexit: ifo Institut für Schweiz-Plus-Lösung

Das ifo Institut hat die EU aufgefordert, dem Vereinigten Königreich eine Lösung nach Vorbild des Schweizer Modells anzubieten. „Angesichts der verfahrenen Lage müssen neue Ansätze her“, sagt Forscher Gabriel Felbermayr, Leiter des ifo Zentrums für Außenwirtschaft.

Tafel: Ziko van Dijk – Eigenes Werk / Zeittafel zum Austrittsprozess Großbritanniens aus der Europäischen Union. Lizenz: CC BY-SA 4.0 / Quelle: wikipedia.org

„Beim Schweizer Modell würde das Land zwar aus der Politischen Union ausscheiden, aber eine enge Zusammenarbeit auf so vielen Politikfeldern wie möglich würde durch eine Vielzahl an bilateralen Abkommen erreicht. Zentraler Ankerpunkt sollte eine weitere Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs an der europäischen Zollunion sein, wobei es bei handelspolitischen Entscheidungen weiter mitreden sollte. Diesen Weg halten wir für gangbar und gesichtswahrend. Zudem hat dieser Vorschlag den unübersehbaren Vorteil, dass er auch eine Lösung für die Türkei und für weitere Länder an der europäischen Peripherie darstellt.“

Die EU als großer Marktplatz stelle einen Mehrwert für seine Mitglieder wie für die weiteren Teilnehmer bereit, und eine Vergrößerung dieses Marktplatzes ist im Interesse aller Beteiligten. „Die vier Grundfreiheiten, darunter die von vielen Briten kritisch gesehene Personenfreizügigkeit, sind lediglich ein politisches Dogma und nicht ableitbar aus der ökonomischen Theorie“, sagt Martin Braml, Ko-Autor des Diskussionsbeitrags. „Sowohl Freihandel (freier Güter- und Dienstleistungsverkehr) als auch Faktormobilität (freier Personen- und Kapitalverkehr) sind jeweils ein hinreichendes Argument für Markteffizienz und bedingen sich keineswegs gegenseitig.“

Aufsatz: „Quo vadis, Brexitannia?“ von Martin T. Braml und Gabriel J. Felbermayr, in : ifo Schnelldienst 2/2019; erscheint am 24. Januar 2019
Zum Runterladen vorab hier

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Braunkohle: Deutliche Folgen bei schnellem Ausstieg

Wenn Deutschland die Braunkohleverstromung vorzeitig beendet, wird die Gesamtwirtschaft kaum beeinträchtigt. Allerdings zeigen Berechnungen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) spürbare Effekte auf die Arbeitsmärkte des Rheinlands, Mitteldeutschlands und der Lausitz. Eine Region ist besonders betroffen von Arbeitslosigkeit und Abwanderung.

Foto: Johannes Fasolt – Eigenes Werk, inspired by Ulrike / Tagebau Hambach, vom Aussichtspunkt Elsdorf-Angelsdorf gesehen. Lizenz: Gemeinfrei / Quelle: wikipedia.org

Deutschland kann seine Klimaziele nur erreichen, wenn es seinen Strom vermehrt aus anderen Energieträgern gewinnt als aus Braunkohle. Ein Ende des Braunkohleabbaus innerhalb der nächsten Jahrzehnte scheint deshalb absehbar. Welche ökonomischen Folgen hat dieser vorzeitige Ausstieg? Antworten darauf liefert eine neue Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Oliver Holtemöller, stellvertretender Präsident und Leiter der Abteilung Makroökonomik am IWH, untersucht mit seinem Team ein Szenario, wonach Deutschland bis zum Jahr 2035 aus der Braunkohle aussteigt. Da die Folgen des Ausstiegs nachwirken, endet die Projektion im Jahr 2040. Sie vergleichen dieses Szenario mit einem Basisszenario, dem lediglich die bisher schon beschlossenen Maßnahmen ohne Ausstiegstermin zugrunde liegen. Dabei kommt ein regionalwirtschaftliches makroökonomisches Modell zum Einsatz, das anders als sonst übliche Input-Output-Analysen auch Preiseffekte, Wanderungsverhalten und staatliche Transfers durch die Arbeitslosenversicherung berücksichtigt.

Die Braunkohlewirtschaft spielt in Deutschland mit etwa 21 000 Beschäftigen im Jahr 2014 insgesamt eine untergeordnete Rolle. Das durchschnittliche Arbeitnehmerentgelt (Jahresbruttolohn plus Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitgeber) von 68 000 Euro ist allerdings fast doppelt so hoch wie der deutsche Durchschnitt von 35 000 Euro. Der Ausstieg aus der Braunkohle dürfte somit den Durchschnittslohn in den drei unmittelbar betroffenen Regionen Rheinland, Mitteldeutschland und Lausitz spürbar mindern. Da vom Braunkohle-Aus zum Beispiel auch Zulieferer betroffen sind und die regionalen Einkommen insgesamt nachlassen, dürfte das Arbeitnehmerentgelt im Endjahr der Projektion (2040) in Gesamtdeutschland um 4,2 Milliarden Euro geringer ausfallen als ohne einen beschleunigten Ausstieg. Die Zahl der Erwerbstätigen sinkt laut Studie bis 2040 durch den schnelleren Ausstieg deutschlandweit um 16 000 Personen.

Weil ein Hochlohnsektor in den betroffenen Regionen wegfällt, dürfte sich die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer bei Tarifabschlüssen verschlechtern. Ein Teil der ehemaligen Braunkohlebeschäftigten wird sich neue Arbeitsplätze außerhalb der Braunkohleregionen suchen und deshalb abwandern. Insbesondere jüngere und gut qualifizierte Betroffene dürften zügig anderenorts gute Beschäftigungs-

möglichkeiten finden. Von diesem Phänomen ist insbesondere die Lausitz betroffen: Die Modellprojektion deutet darauf hin, dass etwa 2 500 Personen diese Region arbeitsplatzbedingt verlassen könnten. Zudem sinkt der durchschnittliche Bruttolohn bis 2040 in der Lausitz am stärksten. Darüber hinaus wird die Arbeitslosigkeit dort zumindest vorübergehend steigen – in der Modellprojektion um 1,1 Prozent-

punkte und damit so stark wie in keiner anderen Braunkohleregion.

Die Abwanderung aus den Braunkohleregionen führt auch in anderen Regionen zu ökonomischen Effekten. Wenn sich mehr Personen an anderen Orten niederlassen, dann steigt an diesen Zielorten die Nachfrage nach Wohnraum. Weil durch den Braunkohleausstieg das Stromangebot schrumpft, dürften die Strompreise steigen. Gesamtwirtschaftlich schlagen diese Effekte jedoch kaum zu Buche.

„Gesamtwirtschaftlich gesehen kann sich Deutschland einen schnelleren Ausstieg aus der Braunkohleverstromung leisten“, sagt Oliver Holtemöller. „Aber die regionalen Effekte sind durchaus beachtlich.“ Es sei insbesondere nicht davon auszugehen, dass in den unmittelbar betroffenen Regionen durch staatliche Maßnahmen schnell neue Arbeitsplätze geschaffen werden können. Der Strukturwandel werde sich über längere Zeit hinziehen und könne vor allem durch gute Rahmenbedingungen für Pendler und für die Gründung neuer privater Unternehmen abgefedert werden. Für die Menschen in den betroffenen Regionen seien Kompensationen nötig, etwa in Form von Abfindungen oder Umzugsbeihilfen.

Quelle: Holtemöller, Oliver; Schult, Christoph: Zu den Effekten eines beschleunigten Braunkohleausstiegs auf Beschäftigung und regionale Arbeitnehmerentgelte, in: IWH, Wirtschaft im Wandel, Vol. 25 (1), 2019, 5-9, im Erscheinen.

Foto: Johannes Fasolt – Eigenes Werk, inspired by Ulrike / Tagebau Hambach, vom Aussichtspunkt Elsdorf-Angelsdorf gesehen. Lizenz: Gemeinfrei / Quelle: wikipedia.org

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Anhaltender Preisverfall am Rohölmarkt

Anhaltender Preisverfall am Rohölmarkt

HWWI-Gesamtindex fällt um 9,5% (US-Dollarbasis) / Rohöl verbilligt sich um 10,3% / Preise für Industrie- und Nahrungsmittel sanken erneut

Im Dezember fiel der HWWI-Rohstoffpreisindex um -9,5% (in Euro:-9,6%). Damit sanken die Rohstoffpreise im letzten Monat des Jahres 2018 erneut deutlich, wenn auch weniger kräftig als im November. Der Gesamt-Index verringerte sich auf 112,9 Punkte (in Euro: 110,0 Punkte) und liegt damit um 4,8% (in Euro: -1,0%) niedriger als vor einem Jahr. Alle drei Teilindizes notierten im Minus.

Foto: Einzige deutsche Bohrplattform Mittelplate im Wattenmeer der Nordsee. Bildrechte: Ralf Roletschek, wikipedia.org / Rechte: CC BY-SA 3.0

Der Index für Energierohstoffe wies wiederholt den deutlichsten Verlust auf. Er verbilligte sich im Monatsdurchschnitt um 10,5% (in Euro: -10,6%). Im Dezember fielen die Preise für Rohöl von allen im HWWI-Rohstoffpreisindex vertretenen Rohstoffen am stärksten. Im Monatsdurchschnitt verbilligte sich Rohöl um 12,6% (in Euro: -12,7%). Ebenfalls gesunken ist der Index für Industrierohstoffe. Er fiel um 2,6% (in Euro: -2,8%) und damit deutlicher als im Vormonat. Der Index für Nahrungs- und Genussmittel fiel um -0,9% (in Euro: -1,0%) und wies damit den geringsten Preisverfall von den drei Teilindizes aus. Der Index ohne Energie fiel um 2,0% (in Euro: -2,2%) auf 104,8 Punkte (in Euro: 102,2 Punkte).

Die Befürchtungen über eine schwächere Weltkonjunktur belasteten weiterhin die Rohstoffmärkte. Der anhaltende Handelsstreit zwischen den USA und China sowie zwischen den USA und der EU dämpft die Erwartungen an die Wachstumsaussichten der Volkswirtschaften. Die Unsicherheit über die Folgen des Konfliktes belastete die weltweite Rohstoffnachfrage und in Folge dessen sanken die Preise, vor allem am Rohölmarkt.

Index für Energierohstoffe: -10,5% (in Euro: -10,6%)

Im Dezember fiel der Rohölpreis im Monatsdurchschnitt um 12,6% (in Euro: -12,7%) auf 54,76 US-Dollar (in Euro: 48,11) pro Barrel gegenüber dem Vormonat. Damit lag der Preis für Rohöl im Dezember 2018 um 10,3% (in Euro: -12,7%) unter dem Niveau vom Dezember 2017. Anfang Dezember hatte die OPEC mit ihren verbündeten Nicht-OPEC-Ländern zusammen mit Russland (OPEC+) in Wien eine Reduzierung der Rohölfördermenge beschlossen, um den seit Anfang Oktober anhaltenden Preisverfall auf dem Rohölmarkt zu stoppen.

Der Preis für Rohöl fiel jedoch, weil Uneinigkeit am Markt herrschte, ob diese Kürzungen in Zukunft ausreichen werden, um das Überangebot am Rohölmarkt zu beseitigen. Weiterhin warnte die Internationale Energieagentur (IEA) am 13. Dezember 2018 in ihrem monatlichen Bericht vor einer Überversorgung des Weltmarktes mit Rohöl. In der Vergangenheit wurden aufgrund der relativ niedrigen Rohölpreise verstärkt Lagerbestände aufgebaut, welche in den nächsten Monaten weiter zu einem Überangebot an Rohöl beitragen könnten.

Darüber hinaus belasteten schlechte Wirtschaftsdaten aus China und Europa sowie eine generelle Sorge vor einer sich verschlechternden Weltkonjunktur die erwartete globale Rohölnachfrage. Die Preise der drei im Index gelisteten Referenzsorten sanken im Monatsdurchschnitt wie folgt: Der Preis für US-amerikanisches Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) verbilligte sich um 13,0% (in Euro: -13,1%).

Um 12,8% (in Euro: -12,9%) sank der Preis für Rohöl aus dem Nahen Osten, der Sorte Dubai. Der Preis der europäischen Rohölsorte Brent fiel um 12,1% (in Euro: -12,2%). Erneut war damit der Preisrückgang von WTI der größte der im Index gelisteten drei Rohölsorten. Im Dezember notierten alle drei Rohölsorten deutlich unter dem Preisniveau des Dezembers des Vorjahres.

Der Erdgaspreis sank im Monatsdurchschnitt um 4,2% (in Euro: -4,4%). Im Detail war zu beobachten, dass der Preis für europäisches Erdgas erneut fiel. Es verbilligte sich um 4,4% (in Euro: -4,6%). Nachdem US-amerikanisches Erdgas in den letzten Monaten deutliche Preisanstiege verzeichnete, fiel es im Dezember im Monatsdurchschnitt um 4,0% (in Euro: -4,2%).

Als dritter fossiler Energieträger ist Kohle im Index für Energierohstoffe vertreten. Kohle verbilligte sich im Dezember nur leicht. Der Preis für Kohle sank im Monatsdurchschnitt um -0,4% (in Euro: -0,6%). Insgesamt fiel der Index für Energierohstoffe um 10,5% (in Euro: -10,6%) auf 114,2 Punkte (in Euro: 111,3 Punkte).

Index für Industrierohstoffe: -2,6% (in Euro: -2,8%)

Der Index für Industrierohstoffe ist untergliedert in drei weitere Teilindizes: den Index für Agrarische Rohstoffe, den Index für NE-Metalle sowie den Index für Eisenerz und Stahlschrott. Der Index für Agrarische Rohstoffe sank um 0,5% (in Euro: -0,6%). Wiederholt fiel der Index der NE-Metalle im Monatsdurchschnitt. Dabei entwickelten sich die Preise im Dezember für die im Index gelisteten NE-Metalle unterschiedlich. Der geringste Preisrückgang wurde für Aluminium beobachtet. Der Aluminiumpreis sank um -0,3% (in Euro: -0,5%). Der Kupferpreis fiel am zweitstärksten. Kupfer verbilligte sich um -1,6% (in Euro: -1,8%).

Wie bereits im November fiel der Preis für Nickel am stärksten. Nickel wird unter anderem für die Veredlung von Stahl benötigt. Ein hohes Angebot von Nickel und die sinkende Nachfrage nach Stahl infolge des aktuellen Handelskonfliktes zwischen China und den USA ließ den Preis für Nickel um -3,8% (in Euro: -4,0%) sinken.

Im Monatsdurchschnitt stiegen dagegen die Preise für Blei, Zink und Zinn. Blei verteuerte sich um 1,2% (in Euro: +1,0%). Der Zinkpreis stieg um 1,1% (in Euro: +0,9%). Der geringste Preisanstieg konnte für Zinn verzeichnet werden. Der Zinnpreis stieg lediglich um +0,5% (in Euro: +0,4%). Der Index der NE-Metalle sank um 0,9% (in Euro: -1,1%). Die Aufwärtsbewegung des Index für Eisenerz und Stahlschrott wurde im Dezember durchbrochen. Eisenerz und Stahl sind Basisrohstoffe in der Stahlproduktion.

Der Index für Eisenerz und Stahlschrott fiel um 6,7% (in Euro: -6,9%). Der Handelskonflikt zwischen China und den USA belastete die US-amerikanische Nachfrage nach chinesischem Stahl. Zusätzlich erhöhte sich das Angebot von Eisenerz auf dem Weltmarkt, weil die Minas-Rio Eisenerzmine in Brasilien nach einer Havarie im April 2018 die Förderung wieder aufnehmen konnte. Insgesamt sank der Index für Industrierohstoffe um 2,6% (in Euro:-2,8%) auf 115,6 Punkte (in Euro: 112,7 Punkte).

Index für Nahrungs- und Genussmittel: -0,9% (in Euro: -1,0%)

Im Monatsdurchschnitt konnten – außer für Kaffee, Zucker und Tee – für alle weiteren im Index für Nahrungs- und Genussmittel gelisteten Rohstoffe leichte Preissteigerungen im Dezember beobachtet werden.

Nachdem im Vormonat vor allem die Preise für Kokos- und Palmöl stark gesunken waren, konnten im Dezember Preissteigerungen für Ölstaaten und Öle verzeichnet werden. Der Kakaopreis stieg leicht um 0,8% (in Euro: +0,6%).

Deutlich dagegen fiel der Preis für Kaffee. Hohe Ernteerträge in Brasilien und Vietnam sowie ein schwächerer brasilianischer Real sind die Hauptgründe für den starken Preisverfall. Der Kaffeepreis verbilligte sich um 8,2% (in Euro: -8,3%). Insgesamt fiel der Index für Nahrungs- und Genussmittel um 0,9% (in Euro: -1,0%) auf 89,2 Punkte (in Euro: 86,9 Punkte).

Anmerkung: Der HWWI-Rohstoffpreisindex ist ein umfassender, wöchentlich berechneter Indikator für die Preisentwicklungen auf den Weltrohstoffmärkten, der die wichtigen international gehandelten Rohstoffe enthält. Seit 1960 misst der HWWI-Rohstoffpreisindex die preislichen Veränderungen in der Rohstoffimportrechnung der Industrieländer und ist somit ein Indikator für die Kostenentwicklung bei importierten Rohstoffen und dient unter anderem Zentralbanken, Forschungsinstituten und internationale Institutionen für ihre Analysen.

Foto: Einzige deutsche Bohrplattform Mittelplate im Wattenmeer der Nordsee. Bildrechte: Ralf Roletschek, wikipedia.org / Rechte: CC BY-SA 3.0

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